Vier Tage lang verwandelte sich die St.-Gunther-Grundschule im Juli in ein Atelier voller Kreativität, Kohlenstaub und außergewöhnlicher Ideen. Im Rahmen des Projekts „Künstler an die Grundschule“, das von der Bayerischen Staatsregierung gefördert wird, war in diesem Schuljahr der freischaffende Künstler, Galerist, Tätowierer und Musiker Theodore Hofmann zu Gast. An dem Projekt beteiligten sich die Klasse 1/2b mit Klassenleiter Thomas Listl sowie die Klasse 4b mit Klassenleiterin Sabrina Botschafter.

Zu Beginn stellte Hofmann den Kindern eine scheinbar einfache Frage: „Was macht ein bildender Künstler?“ Gemeinsam erarbeiteten sie die vielfältigen Ausdrucksformen der bildenden Kunst – von Zeichnung, Malerei und Fotografie über digitale Kunst bis hin zu Mosaik, Keramik und Bildhauerei. Ebenso vielfältig seien die Materialien, mit denen Künstler arbeiten. Seine Definition brachte die Kinder zum Nachdenken: „Der Künstler schafft etwas, wo vorher nichts war.“

Anhand zahlreicher Fotografien stellte Hofmann seine eigene künstlerische Arbeit vor und zeigte sowohl flächige als auch plastische Werke. Ein zentrales Medium seines Schaffens ist die Kohle. Deshalb brachte er unterschiedlichste Kohlearten mit – von Braun-, Stein- und Anthrazitkohle bis hin zur Holzkohle. Anschaulich erklärte er deren Entstehung, Verwendung und Bedeutung als Energieträger, Grundlage der Industrialisierung sowie ihren Einsatz in Medizin und Kosmetik.

Besonders eindrucksvoll war die Vorstellung seines Werkes „As the Crow Flies“, einem Wandrelief mit fliegenden Vögeln, anhand dessen Hofmann den Übergang von gegenständlicher zu abstrakter Kunst erläuterte. Für große Spannung sorgten außerdem mitgebrachte Originale. Ein rabenartiger Vogel aus verleimter Holzkohle, auf einem Ast sitzend, war zunächst geheimnisvoll in einem Schrein verborgen und ruhte anschließend unter einer Glashaube – gleichermaßen geschützt wie gefangen. Ergänzt wurde die Präsentation durch kontrastreiche Kohlezeichnungen in Schwarz und Weiß.

Mit viel didaktischem Geschick gelang es Hofmann, die Schülerinnen und Schüler von Anfang an zu freiem und unverkrampftem Arbeiten zu motivieren. Das Projektthema „Fledermäuse“, das Patentier der Gemeinde Rinchnach, führte er über einen spannenden Vergleich ein: Eindrucksvollen Fotografien fliegender Fledermausschwärme, bei denen sich die Umrisse der Tiere im Flug nahezu auflösen, stellte er naturgetreue zoologische Illustrationen gegenüber. So wurde deutlich, wie unterschiedlich Wirklichkeit und künstlerische Wahrnehmung sein können.

Dann wurde es kreativ. Mit traditioneller schwarzer Tusche, die aus Ruß und damit aus schwarzem Kohlenstoff hergestellt wird, träufelten die Kinder Farbe auf große Papierbögen und verbliesen die Tropfen zu abstrakten Flugformen, die an Fledermäuse erinnerten. In Einzel- und Gruppenarbeiten entstanden ausdrucksstarke Kompositionen voller Dynamik.

In der nächsten Schaffensphase wurde es staubig. Mit Astkohle gestalteten die Kinder Fledermausbilder, auf denen große und kleine Tiere aus Höhlen auftauchten, um Scheunen kreisten oder als Schatten durch einen grauschwarz verwischten Nachthimmel flogen. Anschließend experimentierten sie mit weißer Zeichenkohle auf schwarzem Papier. Selbst dabei kam schwarze Zeichenkohle wieder zum Einsatz, um Konturen nachzuarbeiten und Kontraste zu verstärken. Dass während dieser Tage reichlich Kohlenstaub in der Luft lag, störte niemanden – vielmehr war er sichtbarer Ausdruck einer anhaltenden Schaffensfreude.

Den Abschluss bildete ein Projekttag unter freiem Himmel am Rinchnacher Fledermausweg. Ausgerüstet mit Klemmbrettern, Papier und Kohle ließen sich die Kinder von den dortigen Plastiken inspirieren. Dabei lernten sie, Objekte bewusst in eine Landschaft einzubinden und den Horizont als verbindende Linie zwischen Himmel und Erde zeichnerisch festzuhalten.

Als besondere Überraschung hatte Hofmann Tattoo-Stifte für Kinder in seinem Rucksack. Wer wollte, konnte sich eine kleine Landschaft oder eine Fledermaus auf den eigenen Arm zeichnen. Das sorgte für strahlende Gesichter. Zurück in der Schule überreichte der Künstler allen Schülerinnen und Schülern eigens angefertigte Klebetattoos mit Fledermausmotiven und half ihnen auch gleich beim Anbringen.

Nach vier abwechslungsreichen Tagen voller neuer Eindrücke, künstlerischer Experimente und viel Begeisterung fiel der Abschied schwer. Die Frage der Kinder sprach dabei für sich: „Herr Hofmann kommt doch nächstes Jahr wieder?“ – kaum hatte der Künstler die Klassenzimmertür hinter sich geschlossen.